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Circular goes Social: Wie Bridge&Tunnel Mode, Arbeitsmarkt und Ressourcen neu denkt

In Hamburg-Wilhelmsburg zeigt das Social Business Bridge&Tunnel, wie aus aussortierten Textilien und verborgenen Talenten echte Perspektiven entstehen. 

Einstieg 

Dieser Artikel ist Teil der Interviewreihe Circular Impact Champion der Circular Impact Procurement Initiative (CIPI). Darin stellen wir gemeinwohlorientierte Unternehmen mit zirkulären Lösungen vor, die ökologische und soziale Wirkung erzielen. In jeder Ausgabe führen wir ein Gespräch mit Gründerinnen oder Entscheidungsträgerinnen, die neue Wege für die Kreislaufwirtschaft in der Beschaffung und in Lieferketten beschreiten. 

Im Rahmen der Circular Impact Procurement Initiative CIPI unterstützen wir innovative, gemeinwohlorientierte Unternehmen, die zirkuläre Lösungen anbieten und damit gesellschaftlichen und ökologischen Fortschritt vorantreiben. Eines dieser Unternehmen ist Bridge&Tunnel aus Hamburg-Wilhelmsburg – ein Social-Fashion-Label und eine Textilmanufaktur, die aus alten Jeans, ausgedienter Arbeitskleidung und textilen Überschüssen neue Designs fertigt und damit Kreislaufwirtschaft mit sozialer Teilhabe verbindet. Unter dem Motto „We design society“ designt Bridge&Tunnel Taschen, Accessoires, Kleidung und B2B-Produkte aus Alttextilien und stärkt gleichzeitig gesellschaftlich benachteiligte Frauen und Geflüchtete, die in der Manufaktur eine erste sozialversicherungspflichtige Beschäftigung finden. 

Unsere Programmleiterin bei Yunus Environment Hub und CIPI-Verantwortliche, Kiara Winona Sweeney, hat sich kürzlich mit Constanze Klotz, einer der beiden Gründerinnen von Bridge&Tunnel, zu einem Gespräch getroffen. Im Interview erklärt Constanze die Idee hinter Bridge&Tunnel, wie das Unternehmen Prinzipien der Kreislaufwirtschaft anwendet und welche ökologische und soziale Wirkung durch die Arbeit in der Hamburger Textilmanufaktur entsteht.

Interview 

Kiara: Was ist die Geschäftsidee hinter Bridge&Tunnel? Welches Problem löst ihr damit, und was hat euch inspiriert, dieses Unternehmen zu gründen? 

Constanze Klotz: Wir setzen mit Bridge&Tunnel „volle Pulle“ auf Circular goes Social – also Kreislaufwirtschaft, die immer auch die Menschen mitdenkt. Wir geben Textilien eine zweite Chance und gleichzeitig Frauen, die auf dem Arbeitsmarkt sonst kaum sichtbar sind. In unserer Manufaktur mitten in Hamburg fertigen wir mit gesellschaftlich benachteiligten Frauen und Geflüchteten handgemachte Designs aus Alttextilien – von Taschen und Accessoires über Home-Textiles bis hin zu maßgeschneiderten B2B-Produkten. 

Unsere Gründungsgeschichte beginnt mit einem textilen CoWorking-Space für Mode- und Textildesignerinnen in Hamburg-Wilhelmsburg, den meine Mitgründerin Hanna Charlotte Erhorn und ich damals aufgebaut haben. Dort haben wir gesehen: Auf der einen Seite gibt es junge Designer:innen, die lokal und fair produzieren wollen und keine passende Werkstatt finden. Auf der anderen Seite waren da Frauen aus dem Stadtteil, die fantastisch nähen konnten – zum Beispiel opulente türkische Hochzeitsmode –, aber nie eine Chance auf eine sozialversicherungspflichtige Anstellung hatten, weil ihnen der „Zettel“ fehlt, also formale Qualifikationen. 

Der Moment, in dem ein deutsch-türkischer Nähclub aus einer Moschee in unseren CoWorking-Space umzog, war für uns der Auslöser. Wir haben dort erlebt, welches Talent in diesen Frauen steckt – und gleichzeitig erkannt, wie viele Menschen in Deutschland seit 15, 20 Jahren hier leben, ohne jemals in einem regulären Arbeitsverhältnis gewesen zu sein, schlicht, weil Zeugnisse fehlen. Daraus entstand unser Prinzip „talents over diploma“: Im Handwerk zählt Können und Motivation mehr als formale Abschlüsse. 

Parallel dazu haben wir beobachtet, wie täglich LKWs voller Alttextilien in eine Kleiderkammer auf unserem Gewerbehof rollten. 2014 war das Thema Textilmüll in dieser Deutlichkeit noch längst nicht so präsent, aber uns wurde klar, welche Ressourcen da sprichwörtlich „auf er Straße liegen“ – gerade im DenimBereich. Die Kleiderkammer sagte uns: „Jeans haben wir bis zum Umfallen“, und damit war die Idee geboren, aus ausrangierten Jeans ein eigenes Upcycling-Label aufzubauen, das ökologische, soziale und ökonomische Nachhaltigkeit zusammenbringt. 

Heute machen wir genau das: Wir entwickeln aus Alttextilien langlebige Produkte mit social impact – für Endkund:innen und für Unternehmen, die ihre Stoffreste in zirkuläre Produkte verwandeln wollen. 

Kiara:Bridge&Tunnel basiert auf den Prinzipien der Kreislaufwirtschaft. Wie integriert ihr diese Prinzipien konkret in euer Geschäftsmodell, und welche Strategien zeichnen euren Ansatz besonders aus? 

Constanze Klotz: Die Modeindustrie ist nach wie vor stark linear organisiert: Kleidung wird produziert, kurz getragen und dann entsorgt. Wir versuchen, aus dieser Linie einen Kreis zu machen, indem wir die Lebensdauer von Textilien deutlich verlängern. Das heißt konkret: Wir arbeiten fast ausschließlich mit Materialien, die bereits im Umlauf sind – alte Jeans, ausgemusterte Arbeitskleidung, Produktionsüberschüsse, Retouren, Sampleware, ausgediente Merchandise-Artikel oder alte Messebanner. 

Aus diesen Textilresten entwickeln wir neue Designs und halten die Materialien so im Kreislauf, statt neue Ressourcen zu verbrauchen. Praktisch ist das meist Upcycling und nicht Recycling: Wir zerlegen die Materialien nicht erst in ihre Fasern, sondern nutzen vorhandene Stoffe, Strukturen und Farben weiter – so entstehen Patchwork-Designs und Unikate mit Geschichte, besonders im Denim-Bereich. Unsere „Fifty Shades of Blue“-Ästhetik bei Jeans zeigt, dass man aus pre-loved Denim anspruchsvolle Kollektionen gestalten kann. 

Ein zweites starkes Standbein ist unser B2B-Upcyclingservice. Unternehmen bringen ihre Reste zu uns – alte Banner, ausgediente Workwear, fehlerhaftes Merch – und wir entwickeln daraus maßgeschneiderte Produkte wie Shopper, Laptop-Sleeves, Hipbags oder Onboarding-Kits, die wiederum im Unternehmen zirkulieren. So entstehen kleine Closed Loops: Textilien, die vorher ein Marketing-Banner oder eine Arbeitsjacke waren, kommen als neue Produkte zurück ins Unternehmen – inklusive Story und auf Wunsch QRCode zum sozialen und ökologischen Impact. 

Was uns von vielen anderen Upcycling-Ansätzen unterscheidet, ist zum einen unsere konsequente Made-in-Germany-Produktion in Hamburg, zum anderen die Verknüpfung von circular mit sozialer Teilhabe. Wir zeigen, dass man Kreislaufwirtschaft strukturell in ein Geschäftsmodell integrieren kann – inklusive professioneller Manufaktur, Social-Impact-Arbeitsplätzen und einem wachsenden B2B-Kund:innenstamm. 

Kiara:Euer Produkt zielt eindeutig darauf ab, die Umwelt zu schonen. Könnt ihr näher auf die ökologischen Auswirkungen eingehen? Wie schneidet die Nutzung eurer Upcycling-Produkte im Vergleich zu herkömmlichen Textilien oder Einweg-Lösungen ab – was ist der Unterschied? 

Constanze Klotz: Wir verstehen uns ein bisschen als „Freezer“ für CO – wir frieren gewissermaßen den Emissionsstrom der Textilindustrie ein, indem wir den Anfang der Kette überspringen. Klassische Textilproduktion verursacht enorm viel CO: vom Faseranbau über Spinnen, Weben, Färben und Konfektion bis hin zu globalen Transportwegen. Gerade Baumwolle, der Grundstoff aus dem Jeans sind, hat einen besonders schlechten CO-Fußabdruck im Verhältnis zur oft kurzen Nutzungsdauer. 

Da wir mit Textilien arbeiten, die bereits vorhanden sind und eigentlich entsorgt würden, fällt dieser komplette vorgelagerte Produktionsblock weg. Wir starten da, wo die Produkte bereits existieren: bei Kleiderkammern, im Lager für ausgemusterte Arbeitskleidung oder in den Restpostenregalen von Unternehmen. Jeder Shopper aus pre-loved Jeans oder jede Tasche aus Bannermaterial bedeutet, dass kein neues Material produziert werden muss – und dass weniger Textilien als Müll in Ländern wie Afrika oder in Textilwüsten wie der Atacama Wüste landen. 

Unsere CO-Bilanz ist dadurch deutlich besser als bei neu produzierten Textilien; zusätzlich sparen wir Wasser, Energie und Chemikalien ein, die sonst im Faseranbau und in der Verarbeitung anfallen würden. Da wir lokal in Hamburg fertigen und viele Materialien regional akquirieren, sind die Transportwege kurz im Vergleich zu globalen Lieferketten der Fast-Fashion-Industrie. Gleichzeitig verlängern wir die Nutzungsdauer von Ressourcen oft um viele Jahre, weil aus einem „ausgedienten“ Produkt ein langlebiges Designstück entsteht, das weiterhin genutzt werden kann. 

Wir überlegen immer wieder, ob wir die CO-Einsparungen detailliert ausrechnen – das Potenzial ist auf jeden Fall erheblich –, aber persönlich finde ich das Thema soziale Teilhabe fast noch spannender. Die ökologische Wirkung ist in unserem Modell integriert: weniger Neuproduktion, weniger Müll, mehr Nutzungszyklen für bereits produzierte Materialien. 

Kiara:Über die Vorteile für die Umwelt hinaus ist Bridge&Tunnel ein gemeinwohlorientiertes Social Business. Welche sozialen Auswirkungen strebt ihr mit eurem Unternehmen an? 

Constanze Klotz: Kurz gesagt: Wir machen Frauen sichtbar und stark. In unserer Manufaktur arbeiten ausschließlich Frauen, die gesellschaftliche Benachteiligung erfahren – fast alle haben eine Flucht- oder Migrationsgeschichte. Dazu kommen Frauen mit anderen Hürden im Lebenslauf, etwa eine gehörlose Näherin oder Kolleginnen aus beruflichen Reha-Maßnahmen. 

Viele der erstgenannten Frauen kommen nach Deutschland ohne Systemkenntnisse und ohne formale Abschlüsse; das macht den Zugang zum Arbeitsmarkt extrem schwierig. Unser Ansatz ist, genau hier anzusetzen: Mit unserem „talents over diploma“-Prinzip stellen wir auf Basis von Können ein, nicht auf Basis von Zeugnissen. Alle Mitarbeiterinnen sind sozialversicherungspflichtig beschäftigt – für viele ist es die erste reguläre Anstellung in Deutschland, was enorme Effekte auf Selbstwirksamkeit, finanzielle Unabhängigkeit und gesellschaftliche Teilhabe hat. 

Wir schaffen einen Rahmen, in dem die Frauen ihre Fähigkeiten entfalten, Selbstvertrauen aufbauen und ihre Erfahrungen in ihre Communities tragen können. Design ist für uns Mittel zum Zweck: Über hochwertige, marktfähige Produkte machen wir die bisher unsichtbare Arbeit von Textilarbeiterinnen sichtbar – mit Fokus auf Wertschätzung, Female Empowerment und Teilhabe. Dadurch zeigen wir auch nach außen, welches Potenzial in Frauen steckt, die im konventionellen System oft durchs Raster fallen. 

Kiara:Wer kann eurer Meinung nach am meisten von eurer Lösung profitieren? Beschreibt eure idealen Kunden – und könnt ihr ein paar Beispiele nennen, wie Kunden Bridge&Tunnel-Produkte einsetzen? 

Constanze Klotz: Im B2B-Bereich kann im Grunde jedes Unternehmen von uns profitieren, das textile Reste oder Altmateralien hat – oder das nachhaltige, sinnstiftende Produkte für Mitarbeitende und Kund:innen sucht. Typische Fälle sind Firmen, die regelmäßig Messebanner produzieren, Arbeitskleidung austauschen oder Merch mit veraltetem Logo im Lager liegen haben. Statt diese Materialien zu entsorgen, kommen sie zu uns – und wir machen zum Beispiel neues Messe-Equipment, Taschen oder Accessoires daraus, die im nächsten Jahr wieder auf dem Stand eingesetzt werden. 

Unsere Lieblingsszenarien sind Onboarding-Packages und Unternehmens-Goodies, bei denen das Thema Nachhaltigkeit, Diversität und Female Empowerment glaubwürdig gelebt werden soll. Unternehmen, die diesen Werten ein „stoffliches“ Gesicht geben wollen, entwickeln mit uns maßgeschneiderte Produkte, die intern zirkulieren und Mitarbeitende täglich daran erinnern, dass Kreislaufwirtschaft und soziale Teilhabe Teil der Unternehmens-DNA sind. 

Bei den Kund:innen freuen wir uns über die ganze Bandbreite: von NGOs wie Greenpeace oder Sea Shepherd über Hamburger Unternehmen bis hin zu größeren Marken und Mittelständlern. Ein Beispiel, das ich besonders mag, ist unser Projekt mit Aurubis: Wir haben auf dem Werksgelände Container aufgestellt, in denen Mitarbeitende ihre ausgedienten Jeans einwerfen konnten. Daraus wurden Laptop-Sleeves gefertigt, an deren Reißverschluss kleine Kupfernuggets aus der Aurubis-Produktion angebracht wurden – ein sehr greifbarer, zirkulärer Link zwischen Material, Unternehmen und Mitarbeitenden. 

Mit Unternehmen wie Levi’s, Tchibo, Hellmann oder auch dem FC St. Pauli haben wir darüber hinaus Upcycling-Projekte umgesetzt, bei denen aus Produktionsüberschüssen oder fehlerhaften Textilien neue Taschen, Hipbags oder Kosmetiktaschen entstanden. Die ideale Kundschaft sind für uns Organisationen, die diese Geschichte aktiv mitkommunizieren wollen – also nicht nur das Produkt nutzen, sondern auch den Impact dahinter sichtbar machen. 

Kiara:Zum Schluss noch eine Frage: Wie geht es weiter mit Bridge&Tunnel? Wie seht ihr die Zukunft der Textilindustrie – und die Rolle eures Unternehmens dabei? 

Constanze Klotz: Wir hoffen sehr, dass die politischen Regulierungen aus Brüssel – Stichworte DPP, EPR, ESPR – echte Game Changer werden und zirkuläre Geschäftsmodelle mit sozialem Impact strukturell stärken. Es braucht Transparenz darüber, wer wie viele Textilien auf den Markt bringt und was am Ende damit passiert; aktuell legt kein Hersteller seine Produktionsvolumina offen, und die Folgen sieht man in Textilwüsten weltweit. 

Unsere Rolle sehen wir klar auf der Lösungsseite: Wir wollen zeigen, wie Kreislaufwirtschaft mit lokaler Produktion und sozialer Teilhabe konkret funktionieren kann – als Blaupause, wie man Textilströme anders organisieren und gleichzeitig neue Beschäftigungsmodelle schaffen kann. Gleichzeitig sind wir realistisch: Die letzten zehn Jahre haben gezeigt, wie volatil die Welt ist, daher planen wir selten weiter als sechs Monate voraus. Wichtig ist uns, unser B2B-Geschäft weiter auszubauen, unsere neue B2B-Website zu launchen und noch mehr Unternehmen zu erreichen, die ihre Reste in Impact-Produkte verwandeln wollen. 

Perspektivisch möchten wir mehr Frauen einstellen, weitere Partnerwerkstätten aufbauen und unser Angebot im Bereich Upcycling, Repair und Services wie Re.Vive weiter professionalisieren. Wenn es gelingt, dass Kreislaufwirtschaft in der Textilbranche vom Nischenexperiment zum Standard wird – mit Social Businesses wie Bridge&Tunnel als festen Playern in der Wertschöpfung – dann wären wir unserem Ziel, Teil der Lösung statt Teil des Problems zu sein, ein großes Stück näher.